LARP fürs Leben

Cal'Annon

Die Anderswelt in Stapelfeld

Live-Rollenspiel:

ein schräger Spaß - und mehr als das

 

Live-Rollenspiel ist zunächst und zuerst ein Vergnügen für alle, die mitwirken. Aber weil es eine spannende und manchmal tief berührende Erfahrunmg ermöglicht, darum kann man auch etwas dabei lernen, - gerade wenn die pädagogische Absicht nicht im Vordergrund steht,

Erfinde dich! Oder: Zwischen freier Fantasie und Inter-Aktion.

 

Für das Spiel muss ich eine Rolle (er-)finden, in der ich mich in der Spiel-Zeit in einer fantastischen, an das Mittelalter erinnernden Spiel-Welt zuhause fühle. Freier als im tatsächlichen Leben kann ich ein Lebensmodell erkunden. Vielleicht möchte ich einmal ganz anders sein, vielleicht dem, was ich auch sonst anfanghaft lebe, mehr Raum geben.

Die Ur-Idee der Romantik war, das Leben als Roman, als Kunstwerk zu sehen. Etwas von dieser „Romantisierung“ des Lebens liegt in dem kreativen Prozess, sich gedanklich und spielerisch in eine andere Lebens-Rolle zu wagen. Und manche Mitspielende nehmen etwas von dieser Erfahrung aus dem Spiel mit in ihren Lebensalltag.

Doch bestärkt das Live-Rollenspiele keine Allmachtsfantasien. Die Fantasie wird doppelt gezügelt: (1) durch eigene Grenzen - bei aller fantastischen Freiheit muss eine Rolle doch für andere glaubhaft gespielt werden, (2) durch die Mitspielenden, die ihre eigenen Spielinteressen verfolgen.

 

 

Verkleide dich! Oder: Von Rollen und Rollendistanz

 

Kleidung ist mehr als Bekleidung, zeigt bewusst oder unbewusst, wie man gesehen werden möchte. Kleidung ist auch Teil einer „Rolle“.

Unterschiedliche Rollen, private und professionelle, müssen wir alle übernehmen. Doch hat es Menschen immer gereizt, sich zu verkleiden und damit aus normalen Rollen auszubrechen. Wie beim Karneval gehört auch zum Live-Rollenspiel die Verkleidung. Mit der Alltagskleidung lege ich bestimmte Verhaltens- und sogar Sprechweisen ab. Ziehe ich meine „Gewandung“ an, die natürlich ebenso wie die Alltagskleidung Ausdruck bewusster oder verborgener Wünsche ist, so begebe ich mich in eine andere fantastische Rolle.

Wir müssen lernen, gekonnt mit Rollen, Rollendistanz und Rollenwechsel umzugehen. Was beim Live-Rollenspiel intensiv und bewusst erlebt wird, geschieht im Alltag oft unbedacht. Wir kleiden uns in unterschiedliche Rollen – das ist unvermeidlich und in Ordnung, solange wir diese Verkleidung nicht mit unserer Haut verwechseln! Und nicht falsche Rollen spielen.

 

 

 

Bring dich ins Spiel! Oder: Vom Statisten zum Regisseur!

 

Live-Rollenspiel ist kein Theater, es gibt nicht Darstellende und Zuschauende, weder Regisseur noch festes Drehbuch. Zwar hat ein Vorbereitungsteam eine Grund-Idee entwickelt, einen sog. „Plot“, und die Spielleitung gibt im Spiel Auskunft oder übernimmt die Rolle des Schiedsrichters. Aber der Plot ist ein Angebot, über dessen Annahme die Mitspielenden interaktiv entscheiden, und die Spielleitung reagiert eher auf Anfrage als dass sie steuernd eingreift.

Und dann ist es wie im Leben: wenn niemand die Regie für mein Leben übernimmt, dann muss ich selbst aktiv werden - oder ich bleibe unbeteiligt. Als erfahrener Spieler werde ich versuchen, „Neulinge“, die mit Live-Rollenspiel wenig vertraut sind, anzuspielen, also ins Spiel einzubinden. Aber jede und jeder ist Regisseur seines Spiels, und wer sich nicht einbringt, bleibt Statist oder gar Kulisse - und das ist ziemlich unbefriedigend, im Live-Rollenspiel wie im Leben.

 

Eine demokratische Gesellschaft braucht eine Kultur der Beteiligung. Das Live-Rollenspiel ist eine Möglichkeit, dies praktisch zu erleben, in der Freude am kreativen Mittun oder in der Defizit-Erfahrung einer bloßen Statistenrolle.

 

 

Kombinations-Spiel! Oder: Vom Star zum Ensemble-Mitglied.

 

Wenn ich mich einbringe, wird es interessant und lebendig – das erfährt man im Live-Rollenspiel wie im Leben. Aber im Live-Rollenspiel erlebt man auch: Ich bin zwar Regisseur meines eigenen Spielens, aber nicht der Star des ganzen Spiels. Wer sich ständig in den Mittelpunkt spielen will, wird enttäuschende Erfahrungen machen. Live-Rollenspiel ist eine Lektion in Kombinations-Spiel. Alle Spielenden bilden ein Ensemble, ein guter Plot wird das Zusammenspiel unterschiedlicher Spiel-Charakteren fördern und fordern. Selbst die Spiel-Gegner sind Teil des Ensembles, und gute Spieler bedanken sich auch bei ihren Gegen-Spielern für ein gutes Spiel. Dieser Respekt kann manchmal aus dem Spiel in die Alltagswirklichkeit übergehen: ich habe selbst erlebt, wie reale Gegensätze (zwischen liberalen Bildungsbürgern und rechtsgerichteten jungen Männern) durch die gemeinsame Spielerfahrung und die im Spiel mögliche wechselseitige Wertschätzung relativiert wurden, so dass nach dem Spiel eine andere Begegnung möglich war. Vielfalt als Bereicherung – das ist für mich ein Lernziel aller kulturellen Bildung, und im Live-Rollenspiel auf eine sicher ungewöhnliche, aber doch eindrückliche Weise erlebbar.